Frühjahrswallfahrt 2001

Bleib doch bei uns, Herr

Die Pilgergruppe

1. BrudermeisterManfred Abrahams
2. BrudermeisterHeinz Bend
Kreuzträger
Hans Peters

Teilnehmer der Wallfahrt

Die Teilnehmer der Frühjahrswallfahrt 2001

NachnameVornameAnzahl Wallfahrten
AbeleRüdiger5
AbelenHermann-Josef2
AbrahamsJakobine3
AbrahamsManfred7
BeitenNorbert2
BendAxel2
BendHeinz5
BernhardtJohanna10
BönnenFia9
BönnenKlaus9
BrüggenPeter-Josef4
BrußHildegard7
BrußWalter5
BüdtsAndrea2
BüdtsHedi10
BüdtsPeter15
Bußler  Wolfgang16
DeußenAnni9
DeußenHeinz-Hermann1
FischerFranz-Thomas1
FußbergerGabriele3
FußbergerMarie-Luise3
GrüterKarl-Friedrich4
GüntherElisabeth4
HacksteinRobert3
HeitzerRolf4
HelmigMaria2
IrmenRichard1
KalkanSilvia3
KaltefleiterBeate7
KlinkenFranz17
KreuelsAnke10
KreuelsSusanne15
KüstersHans10
LauterbachHans-Willi13
LauterbachHilde4
LeuerManfred3
LüpertzHans9
LüpertzMia4
LüpertzWilli13
MetzerJörg2
MetzerJosef15
MewißenHanna1
MoersAngelika7
MoersUrsula2
MüllerThomas7
NasseUrsula1
NeunzigPatrick1
ObelsAlbert22
PetersJohannes30
PrinzenClaudia3
PrinzenHans-Willi12
PrinzenUlrike2
PustelnySiegfried7
ReinartzRalf2
RindfleischLiesel8
Schmidt-GüntherAngelika3
SchmitzHermann22
SchmitzHermann-Josef26
SchmitzStephan17
SchmitzThomas13
SchnabelInge2
SchütteKarl-Heinz1
ShahabeddinMelanie2
SiegelHeinz1
SommerHermann-Josef10
StroepenNadine1
StrunkRainer13
TraegerKlaus1
VitzLothar11
WankePetra1
WinzBettina9
WittigLuzi9
WoltersAngela6
ZonsRenate11

Bericht des Brudermeisters

Liebe Matthiasschwestern, liebe Matthiasbrüder,

am 19.05.01 feierten wir - 75 Pilgerinnen und Pilger - zu Beginn der Frühjahrswallfahrt gemeinsam mit unseren Familien, zahlreichen Bekannten und Freunden in der Klosterkirche unter Leitung unseres Präses Wolfgang Bußler unsere Auszugsmesse. Die Messe wurde musikalisch gestaltet von Mitgliedern des Jugendchors Bettrath - an der Spitze Thomas Görgemanns, der sich ebenfalls wie wir an diesem Tag auf den Weg machte - er zu den Apostelgräbern des Hl. Petrus und Paulus nach Rom, wir zum Apostelgrab des Hl. Matthias nach Trier.

Nachdem wir uns von den zurückbleibenden Neuwerkerinnen und Neuwerkern verabschiedet hatten, begannen für uns 8 Tage Zeit, um neu zu beginnen, 8 Tage Zeit, um uns neu zu besinnen. Aufbruch und Weg war unser Tagesthema. Über Trietenbroich, wo wir uns in der Waldschänke stärkten und uns für die Nachwelt auf Zelluloid bannen ließen, Stessen, Grevenbroich-Laach, wo wir zu Mittag aßen, entlang der Erft, über Bergheim und Kirdorf erreichten wir in guter Stimmung Familie Leuer in Berrendorf. Wie schon bei den über 40 vorherigen Treffen konnten wir am ersten Tag unserer Wallfahrt wieder eine besondere Gastfreundschaft genießen, die beispiellos ist. Mit dem sich anschließenden kurzen Endspurt bis nach Manheim und Blatzheim ging für uns der erste Tag zu Ende. Nicht zu vergessen, dass wir in Blatzheim von Frau Wehren wieder einmal bestens betreut wurden.

Nach einer kurzen Nacht – es ging morgens um 5.00 Uhr weiter – erfreuten wir uns im Nachtigallenwäldchen der Natur. An der Wurstkapelle empfingen uns unsere befreundeten Familien Wennmacher, Schillberg und Reinartz (mit Ausnahme von Ralf Reinartz, der selbst einer der 75 war) mit einem wie immer guten Frühstück. Als Pilgerinnen und Pilger können wir nur hoffen, dass diese Tradition noch viele, viele Jahre anhält und den Familien für ihren besonderen Einsatz Dank sagen.

Über Nörvenich pilgerten wir zum Judenfriedhof. Wir erinnerten uns an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und gedachten der sechs Millionen Opfern des Holocaust. Schweigend verließen wir diesen Ort.

In diesen Morgenstunden merkte ich bereits, dass diese – ich durfte schon innerlich sagen – meine Gruppe mich in den kommenden Tagen tragen würde. Die Gruppe hatte immer mindestens ein Ohr für mich und machte mir mein Amt als Brudermeister ausgesprochen leicht.

Wohl gestärkt in Gladbach, begaben wir uns auf eine der Lieblingsstrecken der Pilgerinnen und Pilger – das Zülpicher Feld. Über Zülpich, Merzenich, einer ausgiebigen Mittagspause in Eicks, Mechernich, dem leckeren Kaffee und Kuchen in Eiserfey und mit Texten von Grün, Bosmans, de Saint-Exupéry, Hüsch u. a. zum Thema Liebe und Freundschaft führte uns der Weg nach Weyer. Am späten Nachmittag feierten wir in der Kirche – musikalisch begleitet vom Jugendchor Bettrath – unseren Gottesdienst. Für mich ist es jedesmal wieder ein Erlebnis, den Jugendchor in dieser Messe zu hören. Und wie ich auch schon am Ende der Messe gesagt habe, ist die Teilnahme dieses Chors eine Bereicherung für die Wallfahrt. Auch in Zukunft sollte diese entstandene Freundschaft zwischen der SM – Bruderschaft und dem Jugendchor gepflegt werden.

Der zweite Tag, der gleichzeitig auch den längsten Tagesmarsch der Pilgerreise umfaßt, endete für uns in Zingsheim bzw. in Engelgau.

Am nächsten Morgen zeichnete sich der 1. Brudermeister durch eine vorübergehende Orientierungslosigkeit aus. Auf dem Weg zum gemeinsamen Treffen mit den an der Ahekapelle wartenden Pilgerinnen und Pilger, die in Engelgau übernachtet hatten, zeigte er seiner Gruppe das herrliche Urfttal. Mit einer geringfügigen Verspätung konnten alle 75 Pilgerinnen und Pilger gemeinsam ihre Reise zum Apostelgrab des Hl. Matthias fortsetzen. Ob es am Tagesthema Frieden lag, dass keine Kritik aufkam, sondern lediglich geflachst wurde, muss fast angenommen werden.

Blankenheim, Nonnenbach und Esch hießen unsere Stationen, bevor wir am frühen Nachmittag am Soldatenfriedhof zwischen Esch und Feusdorf gefallenen Soldaten und deren Familien gedachten; insbesondere den Opfern des 2. Weltkrieges am Beispiel eines Neuwerker Schicksals.

Im anschließenden Gottesdienst in Lissendorf stand das Tagesthema Frieden im Mittelpunkt. Mit neuen Kräften machten wir uns auf den Weg nach Auel. Im Mannschaftsraum der Freiwilligen Feuerwehr wurden wir freundlich vom Ortsvorsteher und von einigen Feuerwehrleuten aufgenommen und weil wir uns so gut geschickt haben, dürfen wir auch in 2002 wiederkommen.

Schnell erreichten wir die Kapelle vor – und von da an beschwingt das Nachtquartier in Büdesheim. Anstrengung, Erschöpfung, gleichermaßen aber auch Zufriedenheit und Stolz konnte ich in den Gesichtern meiner Pilgerinnen und Pilger beim Abendgebet sehen – und die alte Pilgerweisheit griff um sich – „Wer in Büdesheim ist, ist auch bald in Trier“.

Dienstag, 22.05.01. 4.Tag der Wallfahrt. Tag der Kreuze und des Kreuzweges. Das Kreuz für uns Christen als Symbol der Hinrichtung Jesu, des Todes und der Trauer – aber genauso Zeichen des Lebens, des Friedens und der Liebe, Zeichen der Hoffnung, Erlösung und der Auferstehung.

Nach dem Helenabrunner, dem Korschenbroicher, dem Kleinenbroicher Kreuz und dem Kreuzweg, der von unserem Vorsitzenden Stephan Schmitz vorgebetet wurde, gingen wir zu unserem Neuwerker Kreuz. Wir feierten gemeinsam mit der Gruppe der Wanderexerzitien des Bistums Aachen, einigen Bewohnern aus Weißenseifen und Neuheilenbach sowie Neuwerkerinnen und Neuwerkern unsere Eucharistiefeier.

Danach setzten wir unsere Tagesreise fort. Wie immer hervorragend beköstigt und bewirtet im Haus Hubertus, zum kleinen Matthias in Meilbrück, in Ittel „jov et Heitzer Papp Kook“ und hochgeistige Getränke, und dann ging´s zügig in Richtung Burg Ramstein.

Trotz aller Strapazen spürte ich die Erleichterung in meiner Gruppe, die Vorfreude auf den morgigen Tag und die Gewissheit, zunächst die schier endlos scheinenden Tagesmärsche hinter sich gebracht zu haben. Und diese Stimmung sollte auch den weiteren Abend prägen.

Ziel – so lautete mein Tagesthema am Mittwoch. Als wir nach dem Morgengebet auf dem Burghof Richtung Eifelkreuz aufbrachen, war unsere ständige Begleiterin, die Sonne, auch schon wieder mit uns unterwegs. Sie hat uns während der gesamten Wallfahrt nicht im Stich gelassen.

Locker, gelöst und glücklich schafften wir den letzten großen Anstieg vor unserem Ziel – und erreichten das Schusterkreuz. 11 neue Pilgerinnen und Pilger hatten sich mit uns am Samstag auf die Wallfahrt begeben – ohne zu wissen, was sie erwartet. Längst hatten sie ihre nicht immer einfachen Erfahrungen machen müssen; bei aller Freude – das ein oder andere Mal, ihre Entscheidung zu pilgern, angezweifelt, wenn nicht gar verflucht. Sie waren am Schusterkreuz längst zum festen Bestandteil unserer Gruppe geworden. Und als ich das Vergnügen hatte, sie zu ehren und in die Bruderschaft aufzunehmen, war ich sicherlich mit den Erinnerungen an meine erste Wallfahrt nicht allein.

Danach ging es mit Riesenschritten nach Mattheis.

Und was dann passiert, hat unser Pilgerbruder Rüdiger Abele – dem ich auch deshalb so eng verbunden, weil wir 1995 gemeinsam Erstpilger waren – so treffend in seinem Artikel „Krüz voraan“ in der FAZ beschrieben, dass ich erst gar nicht versuchen möchte, es mit meinen Worten darzustellen, sondern es zitieren:

„Am Samstag schien das Ziel noch weit. Der Weg führte entlang von Feldern auf hartem Asphalt und durch Wälder auf federnder Erde. Die Füße, mögen sie im Einklang mit den Beinen auch noch so schmerzen, haben jeden einzelnen vorangebracht, und der Kopf ist so frei, wie er sonst mit allerlei Gedanken randvoll ist. Die Gruppe biegt auf einer Anhöhe aus dem Wald: Trier liegt vor ihr. Soviel bebaute Fläche hat sie seit Tagen nicht gesehen. Zu früh tost der Verkehr, stinkt die Luft nach Abgasen, muss man sich nach Ampeln richten. Während der verbliebenen Kilometer bis zur Basilika entlang der Mosel wird ein letzter Rosenkranz gebetet. St. Matthias lässt die Glocken zum freudigen Willkommen läuten. Da liegt er, zu Stein geworden seit vielen hundert Jahren. Die Pilger knien nieder, begrüßen ihn, bringen ihre Anliegen vor, bedanken sich, berühren ihn: an seinen Füßen. So ist es alter Brauch, aber nichts wäre auch passender nach diesen Tagen des Marschs.“

Auch ich hatte mein Ziel erreicht. Innerlich wuchs in mir die Stimmung zur Hochstimmung. Ich konnte meine Wallfahrt genießen und bemerkte das Glücksgefühl, das mir auch aus der Gruppe entgegenflog.

Gemeinsam mit vielen Neuwerkerinnen und Neuwerkern, die uns auch beim Einzug herzlich empfangen hatten, nahmen wir gemeinsam mit Bruder Hubert die Ehrung der Neupilgerinnen und Neupilger und der Jubilare vor; mit dem besonderen Jubiläum unseres Kreuzträgers Hans Peters, der zum 30. Mal zum Apostelgrab nach Trier gepilgert war. Am frühen Nachmittag besannen wir uns in der Krypta, erinnerten uns nochmals der vergangenen Tage. Und wenn ich in den vergangenen Tagen innerlich hin und wieder bedauert hatte, dass die musikalische Begleitung nicht in dem Umfang der vorangehenden Wallfahrten stattgefunden hatte, so erlebte ich umso intensiver und dankbarer die musikalische Darbietung von Claudia, Ulrike, Axel und Rüdiger.

In Trier verbrachten wir den Nachmittag mit unseren Familien, Freunden, Bekannten und einen fröhlichen Abend unter uns. Am nächsten Morgen – am Tag der Himmelfahrt Christi – empfingen wir auf dem Freihof vor der Basilika unsere 37 Buspilger, die erstmalig unter Leitung von Hiltrud Günner in Trier eintrafen, ebenso herzlich wie unsere vielen wiederum erschienenen Neuwerkerinnen und Neuwerker. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Pilgergruppen und den Brüdern der Abtei begingen wir das Festhochamt. Danach wurden noch Erlebnisse der vergangenen Tage und Neuigkeiten aus der Heimat ausgetauscht, bevor wir uns zur Auszugsandacht in der Marienkapelle versammelten. Was lag in diesem Augenblick, an diesem Tag näher als auf das Thema Heimat und Zuhause einzugehen. Und auch an diesem Tag durfte ich – ohne es zu wissen – mich über einen Pilgerchor (Thomas, Peter, Klaus, Norbert, Albert, Hermann, Rolf, Rüdiger, Siggi, Franz) freuen. Geleitet wurde dieser Chor von Thomas „Mucki“ Görgemanns, der uns zwischenzeitlich eingeholt hatte. Er nahm an unserer Auszugsandacht teil, gestaltete sie musikalisch mit. Bevor wir uns bald in Richtung Heimat mit dem Tagesziel Burg Ramstein aufmachten, verabschiedeten wir Mucki, der, wie eingangs gesagt, in südliche Richtungen weiterzog, um sein diesjähriges Pilgerziel Rom anzusteuern. Mit dem Neuwerker Heimatlied und „Nach der Heimat“ verließen wir St. Mattheis und Trier.

Auf Burg Ramstein erlebten wir einen Abend, wie er mir immer gut gefällt. Musikalische Einlagen, ob als Gruppe oder Einzelperson, Examina vor staatlich bestellten Prüfern mit dem Brudermeister als Opfer oder Auswertungen, die interessante Aufschlüsse über das Gepäck und dessen Gewichte geben, gehören für mich ebenso zur Wallfahrt wie anspruchsvolle Texte, Gebete, Messen und Rosenkränze. Offensichtlich ging es nicht nur mir so, sondern viele von uns hatten Spaß und Freude an diesem Abend, der für viele erst am neuen Tag zu Ende ging.

Gemeinschaft hieß unser Thema am Freitag; letzte Tagesreise auf der Frühjahrswallfahrt 2001. Mit unsichtbaren Flügeln ausgestattet, in gelöster zuweilen heiterer Stimmung, genoss die Gruppe nochmal die Pilgergemeinschaft. Ich spürte einerseits die Vorfreude auf die Rückkehr und andererseits das Sortieren der Gedanken, das Verarbeiten der letzten Tage und die allmähliche Vorbereitung auf den Alltag. Ein letzter gemeinsamer Gottesdienst am Neuwerker Kreuz, gemeinschaftlich von Bruder Bernhard, der zu meiner großen Freude extra für uns aus Trier angereist war, und von unserem geistlichen Beistand Wolfgang Bußler gestaltet, danach rückte die Brudermeisterverabschiedung oberhalb Büdesheim immer näher.

Eine für mich besondere Wallfahrt neigte sich mit der Brudermeisterverabschiedung dem Ende zu. 74 Pilgerinnen und Pilger haben mir ein außergewöhnliches Erlebnis geschenkt, dafür möchte ich allen herzlich danken.

Die Nacht in Büdesheim war kurz. Abschied nehmen von Büdesheim. Ein letzter Rosenkranz entlang der Niers. Abschied nehmen voneinander. Glockengeläut in der Uedding. Erste Familienmitglieder, Freunde und Bekannte an Dreiheister. Empfang an der Marienkapelle durch Kommunionkinder, Meßdiener, Horst Straßburger. Bildstock an der Pfarrkiche – ein letzter Text. Andacht in der Klosterkirche. Ein letztes Mal Neuwerker Heimatlied und „Nach der Heimat“. 8 Tage Zeit, neu zu beginnen, 8 Tage Zeit, sich neu zu besinnen, sind Vergangenheit.

Aber eins war während dieser Woche in Erfüllung gegangen – das Leitwort der Wallfahrt aus dem Emmaus Evangelium: Bleibe bei uns, Herr. Unsere Bitte nach ständiger Begleitung unseres Herrn ist in diesen Tagen erhört worden.

„Krüz voraan!“ – Ein Bericht von Rüdiger Abele

Mit jedem Schritt bleibt der Alltag mehr zurück - Fußwallfahrt nach Trier zum Grab des Apostels Matthias - Auf den Spuren einer jahrhundertealten Tradition.

Die Füße brennen. Wie viele Kilometer mögen es bereits sein? Egal, denn noch mehr liegen voraus. Der Aufbruch fand in der vielzitierten Herrgottsfrühe statt, um halb sechs, als es noch kühl war und die Sonne gerade eben über den Horizont lugte. Nun ist es Samstagnachmittag, steil steht sie am Himmel und heizt den Gehenden gehörig ein. 75 Frauen und Männer aus Mönchengladbach, die Jüngste 23 Jahre, der Älteste 71 Jahre alt, pilgern auf althergebrachte Weise nach Trier an das Grab des Apostels Matthias: zu Fuß. Schritt für Schritt geht es voran, nach viereinhalb Tagen soll das Ziel erreicht sein.

Es braucht nur wenige Stunden, um ganz auf dem Weg zu sein. Schon jetzt lässt das Stechen in den Fußsohlen, das Ziehen in den Beinen, der Druck auf fast jedem Lendenwirbel den Menschen in dieser ungewohnten Bewegungshäufung ganz klein sein unter diesem weiten, rheinischen Firmament. Mit jedem Schritt von zuhause weg tritt der sonst übliche Alltag in den Hintergrund: Es gibt Dinge, die erscheinen nun unmittelbarer als das, was sonst durch Zwänge und einen schnellen Takt so viel Bedeutung erheischt.

Der Fluss der Gruppe spült Hedi (53) herbei. Man plaudert mehr über die Welt als über Gott. Sie erzählt von ihrer betagten Mutter, deren Pflege sie sich hauptsächlich widmet, von ihrem Vater, der im vergangenen Jahr nach längerer Krankheit friedlich in ein anderes Leben hinüberglitt. Und wieder einmal wird klar, dass wir vieles in der Hand haben und gern noch mehr in der Hand hätten, aber doch nicht alles greifen können. Man spürt Hedis Dankbarkeit, dass ihr Bruder für diese Woche ins Rheinland reiste, um die Mutter zu betreuen, damit sie wieder einmal nach Trier gehen kann: Zum zehnten Mal nimmt sie den Weg auf sich, ihr Mann Peter (54), der gleichfalls in diesem geordneten Getümmel gehender Menschen unterwegs ist, zum fünfzehnten Mal. Über das Gespräch vergeht die Zeit, an die Füße hat man gar nicht mehr gedacht.

Wenn sich ein Fremder über die Wallfahrt erkundigt, fragt er meist als erstes: Wie weit geht ihr denn am Tag? Die schieren Kilometerzahlen — insgesamt gut 200, davon knapp jeweils 50 an den ersten beiden Tagen — sind nur auf den ersten Blick vielsagend. Weil man die Strecke allein kaum so rasch bewältigen würde wie in der Gruppe und sie zudem in stetem Rhythmus gut über den Tag verteilt wird: Raus im Morgengrauen, der Tag endet mit dem gemeinsamen Abendessen um sieben oder acht Uhr. Das Gepäck rollt erleichternderweise im Begleitfahrzeug mit. Übernachtet wird in den kleinen Orten entlang der Strecke in Privatquartieren und Pensionen.

Die Gruppe hat sich schnell zu einer Weggemeinschaft zusammengefunden und hilft sich durch die Tiefen, die jeder durchwandert, wenn die Füße nicht mehr wollen, sich aber noch nicht ausruhen dürfen, weil es immer weiter geht. Mehrmals am Tag ist es ein Rosenkranz, der ablenkt und fast versunken in diesem mediativen Gebet ein Wegstück bewältigen hilft. Doch es wird ja nicht ununterbrochen gebetet, und so sind es mehr die Gespräche miteinander, die in einer so großen Gruppe naturgemäß vielfältig sind und oft einen Lebensnerv treffen, weil das Vertrauen untereinander sehr groß ist und man viel Zeit zum Reden hat. Oder die Volkslieder, die so wunderbar zur durchwanderten Landschaft in Rheinland und Eifel passen. Und dann ist da noch der rheinische Humor, der sich Gott sei Dank auch auf dieser dennoch sehr ernsthaften Glaubensveranstaltung nicht unterdrücken lässt. Er macht vor Wolfgang (55) nicht Halt, dem mitpilgernden Priester: Auf wohl kaum einer Veranstaltung werde so viel geflunkert wie hier, heißt es an einem Abend, da habe er im Beichtstuhl wohl in den kommenden Wochen mächtig zu tun. Das niederrheinische Plattdeutsch drückt solche Sticheleien viel prägnanter und doch herzlich aus, wer es versteht, dem vergeht das Lachen während dieser Tage fast nur beim Beten oder während eines ernsten Zwiegesprächs. Längst ist die Mundart daheim etwas in den Hintergrund getreten, doch „op Trier“ wird sie noch sehr häufig so richtig aus dem Bauch gesprochen.

Manfred (43) versammelt die Gruppe um sich. Er ist in diesem Jahr Erster Brudermeister, somit für die Durchführung und Ausgestaltung der Wallfahrt zuständig. Die ersten Tage vergingen rasch. Für jeden wählte Manfred ein Leitwort und zum Nachdenken anregende Texte aus: „Liebe und Freundschaft“ lautete es heute, am Sonntag, und er liest die Passage von Saint-Exupéry vor, in welcher der Fuchs dem kleinen Prinzen das Zähmen erklärt. „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.“ Manfred schlägt das Buch zu. Einen Moment steht die Gruppe still zusammen. Dieser Text und auch alle anderen in diesen Tagen können ihre Wirkung ganz entfalten: Ohne Ablenkung treffen sie ins Herz und regen zum Nachdenken an. „Krüz voraan“, spricht Manfred in der heimatlichen Mundart, und Kreuzträger Hans geht voraus. Die Gruppe formt sich dahinter zum gleichmäßigen Zug.

Für Hans (64) ist es in diesem Jahr eine besondere Wallfahrt. Zum dreißigsten Mal ist er auf diesem traditionsreichen Weg dabei, 1972 das erste Mal, 1983 war er Brudermeister. Der Grund seines Mitgehens mag in jedem Jahr ein anderer gewesen sein. Gewiss hat jeder Teilnehmer seine eigenen Anliegen an den Schutzheiligen Matthias, der ihm Motivation für einen Weg gibt, dessen Basis wiederum der Glaube ist — die meisten Teilnehmer dürften katholisch sein, doch danach fragt keiner. Und quasi nebenbei erschließt sich in der Gemeinschaft und durchwanderten Natur auch noch ein guter Teil von Gottes Schöpfung: Hier wird Glaube gelebt und nicht gepredigt. Und Hans sagt, was er wohl in jedem Jahr auf die Frage antwortete, ob er noch einmal mitgeht: „Mal sehen.“

Patrick (32) hält sich da noch mehr zurück. Für ihn ist es das erste Mal. Am Sonntagabend schimpfte er abends im Quartier noch wie ein Rohrspatz und hatte sogar den Gedanken, die Wallfahrt abzubrechen, weil er als durchtrainierter Sportler solch stetiges Vorwärtskommen bisher nicht mit so einer Anstrengung und dicken Blasen an den Füßen verband. Doch heute, am Dienstag und damit einen Tag vor der Ankunft in Trier, ist ihm angesichts all der anderen Erfahrungen diese Erinnerung fast peinlich. Was sie beileibe nicht sein muss: Fast jeder unterschätzt beim ersten Mal die Anstrengung, die lange Tagesetappen auferlegen.

Schon seit über 850 Jahren pilgern Frauen und Männer vor allem in den Wochen um Pfingsten an das Apostelgrab des Matthias nach Trier. Die alten Chroniken der Benediktinerabei St. Matthias verzeichnen Wallfahrer aus allen Himmelsrichtungen und Entfernungen. Seit dem 16. und 17. Jahrhundert ist der Einzugsbereich stabil: Die meisten Pilger kommen aus der Umgebung von Trier, aus der Eifel, Luxemburg, dem Köln-Bonner Raum, dem Westerwald und vom Niederrhein. Überall dort gibt es St.-Matthias-Bruderschaften, die alljährlich den großen Gang organisieren. In Mönchengladbach bestehen gleich mehrere Bruderschaften, wir sind unterwegs mit der aus der 1820 gegründeten aus den Ortsteilen Bettrath, Neuwerk und Uedding.

Am Samstag erschien das Ziel noch weit. Der Weg führte entlang von Feldern auf hartem Asphalt und durch Wälder auf federnder Erde. Die Füße, mögen sie im Einklang mit den Beinen auch noch so schmerzen, haben jeden einzelnen vorangebracht, und der Kopf ist so frei, wie er sonst mit allerlei Gedanken randvoll ist. Die Gruppe biegt auf einer Anhöhe aus dem Wald: Trier liegt vor ihr. Soviel bebaute Fläche hat sie seit Tagen nicht gesehen. Zu früh tost der Verkehr, stinkt die Luft nach Abgasen, muss man sich nach Ampeln richten. Während der verbliebenen Kilometer zur Basilika entlang der Mosel wird ein letzter Rosenkranz gebetet. St. Matthias lässt die Glocken zum freudigen Willkommen läuten. Da liegt er, zu Stein geworden seit vielen hundert Jahren. Die Pilger knien nieder, begrüßen ihn, bringen ihre Anliegen vor, bedanken sich, berühren ihn: an seinen Füßen. So ist es alter Brauch, aber nichts wäre auch passender nach diesen Tagen des Marschs. Manfred hat es geschafft und die Gruppe heil nach Trier geführt. Aus den offenen Gesichtern spricht Freude über die gute Zeit. Dank fliegt ihm zu — der ehrbare Lohn für ein Jahr Vorbereitungszeit. Und nicht nur Patrick geht trotz der Blasen an den Füßen wie auf Wolken.

Wallfahrtsbilder

Wallfahrtstexte